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Die Geschichte der Dorfkirche

Bild der Kirche in ReichenbergEvangelische Kirche von Reichenberg, ursprüngliche Burgkapelle mit Altarweihe 1380

Bereits während der ersten Bauphase von Burg Reichenberg wird ein Kapellenraum in der Erweiterung der Schildmauer im ersten Stock zwischen den beiden ursprünglichen Türmen eingerichtet. Über dem ebenerdigen Durchgang vom Burghof zum sogenannten 'Rosengarten' war die Kapelle durch eine Öffnung nach unten zum Mithören für Bedienstete verbunden (Doppelkapelle?). Die eigentliche Kapelle (Nikolauskapelle) bot mit einer Größe von 6 x 3 Metern nur dem engsten Familienkreis des Burgherrn Platz. Aus eigenem Glaubensverständnis, aber auch mit einem Erzbischof Balduin von Trier als Lehnsherrn, war die Erbauung und Einrichtung einer Kapelle gleich zu Baubeginn im schönsten und sichersten Teil der geplanten Burganlage quasi Verpflichtung. So wird auch schon 1362 ein Kaplan Forlip erwähnt, der im Auftrage des Erzbischofs von Trier hier seinen Dienst versieht.

1371   stiftet Graf Wilhelm II von Katzenelnbogen einen Altar mit einer ewigen Messe zum eigenen Seelenheil und das seiner Frau Else, seines Bruders Eberhard und Anverwandten. Pastor Wilhelm, Pfarrer zu Bornich, in dessen Pfarrei die Burg liegt, gibt zu der Stiftung seine Zustimmung.

Über den Kaplan Forlip von Reichenberg finden sich noch zwei weitere Erwähnungen. Am 10. März 1372 treffen sich auf Schloss Reichenberg in Wusschelbudels Haus der Lierschieder Pfarrer Arnold, der Oberwallmenacher Pfarrer Thielmann und der Kaplan Forlip und bezeugen die Vorgänge am 22. Februar 1372 bei der Altarweihe zu Oberwallmenach (Überfall durch bewaffnete Mannen des Grafen von Nassau). Signiert ist diese Urkunde durch den kaiserlichen Notar Johannes Diez (Dytsche), Pfarrer zu Bornich. Aus dem Jahre 1392 erfahren wir, dass Kaplan Forlip zu Reichenberg und Mechthild ein Testament verfassen. Demzufolge war Forlip zumindest über 30 Jahre in Reichenberg tätig und hat auch bei dem zweiten Kapellenbau im Jahre 1380 die Altarweihe miterlebt. Diese zweite Kapelle ist Teil der Wirtschaftsvorburg und bildet den südlichsten Zipfel der Burgmauer (Ringmauer).

1380   Die Urkunde im Archiv zu Marburg sagt aus, dass Wilhelm II von Katzenelnbogen am Fuße der Burg 1380 eine Kapelle ausstattete und ihre Weihe zu Ehren der Schutzheiligen Georg (Schutzherr der Reiter und Schützen) und Christopher (Nothelfer gegen Krankheit und unvorhergesehenen Tod) vornehmen ließ. Heute ist dieses Gebäude die Ortskirche der Reichenberger evangelischen Kirchengemeinde.

Bild der Kirche von Süden

Droben stehet die Kapelle,
schauet still ins Tal hinab;
drunten singt bei Wies' und Quelle
froh und hell der Hirtenknab.

Traurig tönt das Glöcklein nieder,
schauerlich der Leichenchor;
stille sind die frohen Lieder,
und der Knabe lauscht empor.

Droben bringt man sie zu Grabe,
die sich freuten in dem Tal.
Hirtenknabe, Hirtenknabe,
dir auch singt man dort einmal.

        Ludwig Uhland

Im Laufe der Jahrhunderte hat sich das Aussehen der Kapelle verändert. Um 1600 zeichnete Wilhelm Schäfer, genannt Dilich, dieses Gebäude mit Stufengiebeln, Satteldach und einem Dachreiter, in dem wohl eine Glocke hing. Der Zugang lag auf der Westseite, wie ein vermauerter Türbogen bezeugt. Rings um die Kirche wurden die Toten bestattet.
Bis zum Jahre 1400 ist Reichenberg zugehörig zur Pfarrei Bornich. Dann bekunden Graf Eberhard von Katzenelnbogen und seine Tochter Anna, dass Patersberg einen eigenen Pfarrer haben soll. Mit Zustimmung des Pfarrers in Bornich werden Patersberg und Reichenberg von der Mutterkirche getrennt und bilden fortan eine eigene Pfarrei. Patersberg und Reichenberg sichern hierbei zu, von den Verpflichtungen Bornichs an den Trierer Erzbischof ein Drittel zu übernehmen und zu leisten. Die Kirche von Patersberg hat nach einer Urkunde vom 22. April 1400 einen eigenen persönlich dort residierenden Pfarrer. Die Reichenberger verpflichten sich, Patersberg als ihre Pfarrkirche anzuerkennen. Da die Gemeinden Patersberg und Reichenberg keine eigenen Gerichtssiegel haben, lassen sie den Schultheißen Johannes von St. Goarshausen und dessen Schöffen diese Urkunde siegeln.

Die Reformation und die damit verbundene Neuordnung der Zuständigkeit auch für die Gotteshäuser, ist wohl die Zeit, in der die Reichenberger ihr Gotteshaus in die eigene Zuständigkeit bekamen. Nachdem sich Landgraf Philipp der Großmütige von Hessen zur Reformation und der Einführung des evangelischen christlichen Glaubens (1527) bekannt hatte, tritt anstelle der geistlichen Leitung durch Bischöfe die Leitung der Kirchengemeinde durch den Pfarrer und den Kirchenvorstand.

1528   Ungefähr seit dieser Zeit ist demnach die heutige Kirche Eigentum der Kirchengemeinde und gehört nicht mehr eigentumsmäßig zur Burganlage. Die Tatsache, dass die vier Ecken des Gebäudes und sonst kein Quadratmeter Boden um die Kirche das Eigentum der Kirchengemeinde beinhalten, lässt evtl. Rückschlüsse zu auf die damaligen Verhandlungen bei der Herauslösung des Gebäudes aus dem Besitz der Burganlage.

Sicherlich nicht von heute auf morgen wurden alle kirchlichen Erlasse der Kirchenordnung von 1526 in der Niedergrafschaft Katzenelnbogen bei uns eingeführt. Religiöse Sitten und Bräuche im Lebens- und Familienkreis werden noch eine Zeitlang beibehalten. In der Kirche wird die Predigt in deutscher Sprache gehalten, und die Feier des Abendmahls in heutiger Form, Brot und Wein für jeden Abendmahlsteilnehmer, wird zur Regel.

1628   Um den Zustand der Kirchengemeinden und die Versehung des Pfarramtes durch den Pfarrer zu erfahren, wird 1628 eine großangelegte Kirchenvisitation im ganzen Lande durchgeführt. So auch bei uns am 17. Juli 1628.
Visitationspunkte waren unter anderen:

  • predigt der Pfarrer die evangelische, christliche Lehre rein?
  • gehen die Leute auch nicht während der Predigt (die Länge einer Predigt war zeitlich unbegrenzt) spazieren oder irgendwelchen Geschäften nach?
  • gehen die Kinder regelmäßig zur Schule?
  • hat der Lehrer eine richtige Methode?

Ergebnisse zu Reichenberg sind leider nicht überliefert.

Während der schweren Zeit des 30-jährigen Krieges und den wechselnden politischen Verhältnissen erleidet das Kirchengebäude bei der Belagerung und Beschießung der Burg gegen Ende des Krieges 1647 schwere Beschädigungen. 1665 berichtet der Patersberger Pfarrer von dem schlechten Zustand des Reichenberger Gotteshauses. Daraufhin wird in den umliegenden Kirchen kollektiert und es kommen 152 Reichstaler und 70 Kreuzer zusammen. Wahrscheinlich wurden zunächst nur die notwendigsten Reparaturarbeiten ausgeführt, denn erst in den Jahren 1737/38 konnte das Gebäude als ganzes wieder in einen ordentlichen Zustand gebracht werden. Die Kirche bekam damals äußerlich ihr heutiges Aussehen. Die Stufengiebel verschwanden und anstelle des Satteldaches kam ein Walmdach mit einem sechseckigen Turm über dem Westgiebel. Wahrscheinlich stammen auch die Apostelbilder aus dieser Zeit. Sie wurden bei späteren Renovierungsarbeiten übermalt und erst 1960 wieder freigelegt.

Eine schon damals alte und kostbare Glocke aus dem 13. Jahrhundert läutete fortan zum Gottesdienst, zu Freud und Leid, zum Tagesanfang und zum Feierabend. Im Jahre 1739 kommt eine zweite Glocke hinzu mit der Inschrift: "Wenn ich klag, so klag mit mir. Wenn ich mich freu, so freu dich mit mir." An der Kanzel befindet sich die Jahreszahl der Bauarbeiten 1738.

Eine hölzerne Inschriftentafel in lateinischer Sprache erinnert an die Restaurierung der Kirche unter Landgraf Friedrich I von Hessen-Kassel und Freiherr Christian Melchior Sigismund von Kurzleben. In der Übersetzung lautet der Text:

Inschriftentafel zur Erinnerung an die Renovierung 1937

Mit Hilfe Gottes
und unter dem Schutz des Löwen
des allermächtigsten Königs der Schweden, Goten und Vandalen,
Friedrich I,
des Landgrafen von Hessen, des Fürsten von Hersfeld,
des Grafen von Katzenelnbogen, von Diez, Ziegenhain, Nidda,
Schaumburg, Hanau u.a.,
des vorzüglichsten Königs und unseres allergnädigsten Herrn,
des höchsten und wachsamsten Bischofs
der einheimischen evangelischen Kirchen
sind durch die Hilfe, den Beschluß und die Mühe
des großzügigsten, des freien Barons und Herrn,
des Herrn
Christian Melchior Sigismund
von Kurzleben,
seiner Exzelenz, des Generalstatthalters für den König,
von der höchsten Leitung
der Festungen Marburg und Rheinfels
des allerwürdigsten
diese heiligen Gebäude,
durch lange Zeit
nur ein Steinhaufen,
wieder hergestellt worden.
Anno M DCC XXXVII ( 1737 )

Damals wurde auch eine Gottesdienstordnung verabredet, wonach der Pfarrer in einem Ort um 7 Uhr, im Winter um 8 Uhr, im anderen Ort um 10 Uhr abwechselnd zu predigen hatte.
Das Westportal wurde heute noch sichtbar zugemauert und unter einen Dachvorbau auf die Nordseite verlegt. Die Außenwände waren steinsichtig und die Ecken geschlossen verputzt.

1792   erhält die Kirche eine neue Orgel. Sie wird auf einer Empore hinter dem Altar installiert, gegenüber der Männerempore.
Im Innenraum der Kirche gab es eine strikte Sitzordnung: Frauen unten, Männer auf der Empore, Kinder nach Mädchen und Jungen getrennt auf der Seite gegenüber der Kanzel, der Kirchenvorstand unter der Orgel-Empore, die Pächter des Offenthaler Hofes und die Burgbesitzer im besonders abgetrennten 'Verschlag'.

Eine endlos, bis in die Gegenwart reichende Diskussion zwischen der Pfarrersitzgemeinde und der Filiale Reichenberg über die Gottesdienstzeiten beginnt, die unter teilweiser Einbeziehung von Bornich bis heute andauert. So wird z.B. im Visitationsprotokoll von 1710 vermerkt:
Die Seniores (von Patersberg) aber zeigten abermals an, daß der Herr Pfarrer contra consuetudinem (gegen die Gewohnheit) die frühe Predigt in Reichenberg halten wolle, welches ihrem Ort als Mutterkirch praejudicierlich (vorrechtlich) wäre und praetendierten (forderten), daß man den Herrn Pfarrer anhalten möchte, daß er jedesmal die Frühpredigt zu Patersberg halten müsse. Auch beschwerten sie sich darüber, daß der Pfarrer ihrer Kirche die Reichenberger Capelle vorziehe und baten um Änderung.

Im zweiten Kirchenbuch, das in der Zeit von Pfarrer Ebenau von 1723 bis 1747 geführt wurde finden wir u.a. Eheprotokolle, wie sie vom Pfarrer in Gegenwart des Brautpaares, deren Eltern oder Verwandten, und der Kirchenvorsteher (Senioren) aufgenommen wurden.
Der Bräutigam erklärt, ...daß er als mit niemand sonst behängt oder versprochen mit Vorwissen und Einwilligung seiner auch gegenwärtigen Eltern gewillt sei zu heiraten."
Die Braut willigt ... "unberedet, ungezwungen und ungedrängt, aus lauter Affektion und Liebe mit ihrer auch gegenwärtigen Eltern Einwilligung, in diese Ehe ein."

Bei verschiedener Konfession der Eheleute vereinbart man gleichzeitig, in welcher Konfession die Erziehung etwaiger Kinder geschehen soll. Die Trauung wird erst nach vorheriger Ablegung einer Kirchenbuße vorgenommen und gehörte ursprünglich in die Kirche, später (ab 1741) wird sie im Pfarrhaus abgelegt.

Die Konfirmation wurde an wechselnden Terminen gehalten: an den beiden letzten Sonntagen vor Pfingsten, am Himmelfahrtstag, an Pfingsten, oder auch an einem der folgenden Sonntage.

1826   wird Christian Lenz, ein redlicher und gewissenhafter Rechner, genannt.
1828   Während der Amtszeit Pfarrer Cramers wird in Reichenberg ein eigener Kirchenvorstand gewählt, dem der Müller Adam Plies, ein achtbarer Bürger, angehört. Ein Inventarverzeichnis von 1818 vermittelt uns einen Eindruck von der Ausstattung mit beweglichem Vermögen und Gerätschaften unserer Kirche zur damaligen Zeit. Interessanterweise fehlt die Erwähnung jeglicher Literatur, auch der Bibel, welche der Pfarrer demnach von Patersberg zur Lesung des Gotteswortes nach Reichenberg mitbrachte (Transkription).

Aufstellung der Gerätschaften und bewegliches Vermögen der Kirche von 1818Gerätschaften und bewegliches Vermögen der Kirche von 1818
  1. Ein goldener Communion Kelch in einem Schrank in der Kirche
  2. Ein zinnernes Brodtellerchen eben da
  3. Ein zinnernes noch ziemlich gutes Löffelchen eben da
  4. Eine zinnerne Hostien Schachtel eben da
  5. Ein zinnerner noch ziemlich guter Kranken Kelch eben da
  6. Ein ebenso beschaffenes zinnernes Brodtellerchen eben da
  7. Eine zinnerne Communion Kanne eben da
  8. Eine zinnerne Taufkanne eben da
  9. Eine zinnerne Taufschüßel eben da
  10. Ein schwarz noch ziemlich gutes Altartuch auf dem Altar
  11. Zwei weiße Altartücher im Hause des Kirchenältesten
  12. Eine Serviette eben da
  13. Ein Leichentuch in der Kirche
  14. Ein zinnerner Kelch und eine hölzerner Hostienschachtel
  15. Ein Cruzifix in der Kirche
  16. Das Bildnieß des Doctor Luther eben da
  17. Ein Kirchenschrank eben da
  18. Ein Opferstock
  19. Zwey Todten bahren

Alles zusammen ergibt dies ein bewegliches Vermögen von 129 Gulden und 2 Kreuzer, wovon der goldene Kommunion Kelch mit 72 Gulden den größten Wert darstellte.

Eine Jahresabrechnung vom Jahr 1818, aufgestellt durch den Kirchenrechner Adam Plies, gegengezeichnet durch den Schultheißen Weydenmüller, den Feldgerichtsschöffen und Kirchenältesten Weydenmüller und den Pfarrer Cramer am 21. August 1821, schließt in Einnahmen mit 27 Gulden, 19 kr. und 2 h. und in Ausgaben mit 31 Gulden, 13 kr. und 3 h. ab. In dieser Aufstellung sind viele Einzelposten, z.B.:

¼ Schoppen Oel zum Schmieren der Glocken
die jährliche Dachbesteigung
für Befestigung des Kirchenturms
den dritten Teil für die Anschaffung der neuen Kirchenbücher an den Kirchenrechner in Patersberg u.a.
(Original im Archiv)

Geprüft und abgeschlossen wird diese Kirchenrechnung am 21. Juni 1822 von der Herzoglich-Nassauischen Rechnungskammer in Wiesbaden.
Zu Anfang des 19. Jahrhunderts war die Erstellung eines neuen Pfarrhauses dringend notwendig geworden. In einem Antwortschreiben des Decanatsverwesers Kirchenrath Wilhelmi vom 12. Juni 1832 erinnert er den Kirchenvorstand von Reichenberg daran, dass nach dem früheren Consistorial Bescheid, Reichenberg 1/8 zu den Kosten des Pfarrhauses in Patersberg zu zahlen habe (Consistorial Bescheid vom 28. Februar 1766).

Consistorialbescheid vom 15. Mai 1783 über die Kostenverteilung zwischen Reichenberg und Patersberg für die Schule und das Pfarrgebäude. Reichenberg hat für das Pfarrhaus 1/8 und für die Schule 1/3 der Kosten zu tragen.Consistorialbescheid vom 15. Mai 1783 über die Kostenverteilung zwischen Reichenberg und Patersberg für die Schule und das Pfarrgebäude. Reichenberg hat für das Pfarrhaus 1/8 und für die Schule 1/3 der Kosten zu tragen.

Reichenberg beteiligt sich entsprechend der Anweisung der Kirchenleitung am Patersberger Pfarrhaus (Consistorialbescheid vom 15. Mai 1783).

Obwohl das neue Pfarrhaus 1851 fertig gestellt war, sollte die Pfarrei bereits 1868 wegen ärmlicher Verhältnisse aufgelöst werden. Erst nachdem 1872 die Restschuld der Baukosten abgetragen war, wurde die Pfarrei durch Pfarrer Melior ordnungsgemäß besetzt. Die Baukosten des Pfarrhauses betrugen 3.376 fl.; Zuschuss des Zentralkirchenfonds 584 Taler, Zuschuss des Gustav-Adolf-Vereins 400 fl.

1831   Die Herzoglich-Nassauische Landes-Regierung weist die Herzoglichen Schulinspektoren (Pfarrer) und ihre unterhabenden Stellen (Lehrer) an, bei der Einführung des neuen evangelischen Catechismus folgendes zu beachten:
1) Bis zum Eintritt in die dritte Classe der Elementarschulen, mithin ungefähr bis zum 10 ten Lebensjahr der Kinder genügt der allgemeine Religionsunterricht und das fleißige Benutzen der biblichen Geschichte. Die Schüler der 3 ten Classe werden dann aber allmählig mit den Lehren des Christenthums im Zusammenhange bekannt gemacht, sodaß sie Anfangs nur die Hauptsprüche, nach vorhergegangener Erklärung ins Gedächtnis fassen, später aber nach und nach alle Sprüche auswendig lernen, und zugleich die Antworten, wenigstens dem Sinne nach auffassen müssen, so daß sie mithin im 14 ten Lebensjahre mit dem Inhalt des Buches vertraut sind.
Unfähige Schüler sind, wie bei allen Unterrichtsgegenständen, und hier besonders mit Nachsicht zu behandeln, damit ihnen der Religionsunterricht nicht zuwider werde.

1839   Über Reichenberg berichtet Pfarrer Cramer, in seiner neu angelegten Chronik:"Hinsichtlich des Kirchenbesuchs scheint der religiöse Geist mehr ab- als zugenommen zu haben, aber nicht in Reichenberg, einer Gemeinde überhaupt, deren Betragen man musterhaft nennen kann!"

Abendmahl wird an Ostern, Erntedank und Weihnachten gehalten.

1839   bilden den Kichenvorstand: Phil. Heinrich Weidenmüller, Wilhelm Plies, Kirchenrechner ist Christian Lenz. Schullehrer Seibert aus Patersberg (Reichenberg hat noch keine eigene Schule) ist Glöckner, Organist und Küster beider Dörfer.

Wiederum wird Reichenberg gelobt "ob seines sittlichen Lebens, keine Ausschweifungen, kein unmäßiger Genuß berauschender Getränke." Allgemein scheint es im Lande anders zu sein.

1842   Die Herzoglich-Nassauische Landesregierung sieht sich veranlasst, durch vielerlei Beschwerden im Herzogtum auf Edikte von 1803, 1818 und 1823 hinzuweisen. Darin heißt es:
Zur ferneren Erhaltung der würdigen Feier der Sonn- und Festtage finden Wir Uns veranlaßt die hierauf bezüglichen Verfügungen, wonach öffentliche Arbeiten während des Frohnleichnams- und Charfreitags an gemischten Orten untersagt, wonach Treibjagen an Sonn- und Festtagen, wonach Tanzmusiken an evangelischen oder gemischten Orten an dem Sonn- oder Feiertag, auf welchen das Fest zur Erinnerung der während des Jahres Verstorbenen fällt, nicht gestattet sind, sowie die Bestimmungen, daß Tanzmusiken nicht während der Fastenzeit und überall erst nach beendigtem Nachmittagsgottesdienst statt haben sollen, welches letztere sich auch auf andere öffentliche Belustigungen, namentlich Scheibenschießen und Kegelspiel erstreckt, ferner die Vorschrift, daß die Vornahme militärischer Uebungen während des Vormittagsgottesdienstes und in der Nähe der Kirche nicht statt haben soll, zur genauen Beachtung in Erinnerung zu bringen, und Sie zugleich im Allgemeinen aufzufordern möglichst darauf Bedacht zu nehmen, daß Alles unterbleibe, wodurch die häusliche Andacht, der kirchliche Gottesdienst und überhaupt die Sonn- und Festtagsfeier Störungen erleiden könnte.
Als Störungen der Sonntagsfeier bezeichnen Wir namentlich das Besuchen der Wirthshäuser durch Einheimische und das Treiben von Schlachtvieh während des Vor- und Nachmittags-Hauptgottesdienstes, sowie das Aushängen und den Verkauf von Waren während des Vormittagsgottesdienstes.
Dagegen können dringende Aerndtearbeiten, sowie sonstige mit Geräusch verbundene oder an öffentlichen Orten vorzunehmende Arbeiten, welche die Noth erfordert, oder deren Aufschiebung mit großem Nachteil verbunden sein würde, ausnahmsweise nach wie vor an Sonntagen gestattet werden; nehmen dieselben nur einen Sonntag in Anspruch, wie dies mitunter bei der Aerndte der Fall ist, so ist bei dem Schultheisen, sonst aber, wenn sie während mehrerer Sonntage fortdauern, bei Ihnen die Erlaubnis nach vorgängiger Benehmung mit dem Ortsgeistlichen einzuholen und ist alsdann darauf zu sehen, daß diese Arbeiten, wo möglich, während des Gottesdienstes ausgesetzt werden.
Wiesbaden, den 27. December.

Die Reichenberger Kirche erhält zwischen 1875 und 1879 durch eine Spende der neuen Burgbesitzerin Charlotte von Reichenberg, eine geborene Gräfin von Mellin, einen neuen Kirchenfußboden aus Sandsteinplatten und eine Skulptur des Kreuznacher Bildhauers Kauer, die Jesus darstellt, umringt von Kindern, die er segnet. Leider ist diese Skulptur nach der Kirchenrenovierung 1962 nicht wieder aufgestellt worden. Bei ihrem Tode vermacht die Gräfin die Burg ihrem Neffen, dem Baron Wolfgang von Oettingen, der aus Dankbarkeit die Charlottenstiftung ins Leben ruft, deren Verwaltung in Händen des Kirchenvorstandes liegt. Von dieser stattlichen Summe (3.000 Mark) wurde als erstes auf Vorschlag des damaligen Pfarrers eine 100 Bände umfassende Volksbibliothek eingerichtet. Ferner bekamen alle Brautpaare der beiden Gemeinden auf Kosten der Stiftung Trau-Bibeln nebst einem kleinen praktischen Haushaltungsbuch mit dem Titel "Das häusliche Glück".

Als sich 1911 ein gemischter Chor gründet, wird das heute auf dem Speicher des Dorfgemeinschaftshauses stehende Harmonium aus Mitteln der Stiftung angeschafft. Wie die Chronik vermerkt, wurde bereits 1885 ein Kirchenchor ins Leben gerufen, der wiederholt bei Gottesdiensten 'Erfreuliches' geleistet hat.

1896   Nach fast 160 Jahren bekam die Kirche erstmals wieder einen neuen Innenanstrich. Wahrscheinlich wurden dabei auch Darstellungen der Apostel übermalt, die bei der Neugestaltung und Wiederherstellung des Gotteshauses 1738 entstanden waren. Die 1782 eingebaute Orgel war weitgehend unbrauchbar geworden. Der damalige Lehrer Blum berichtet aus seiner Organistentätigkeit, dass bei Witterungsumschlag durch die Restluft im Blasebalg plötzlich während der Predigt "selbständig Töne aus der Orgel erklangen, welches den Pfarrer arg störte". Der Orgelbauer Voigt aus Biebrich erhält den Auftrag für eine neue Orgel und liefert sie 1896 für 1.840 Mark.
Auf Beschluss des Königlichen Consistoriums zu Wiesbaden wird zum 2. Mai 1903 das Gehalt des Organisten zu Reichenberg auf jährlich 72 Mark erhöht.

Durch den Einbau eines Kamins 1906 wird es erstmals möglich, die Kirche zu heizen. Bis dahin mussten sich die Gottesdienstbesucher in den kalten Wintermonaten besonders warm anziehen, wenn sie in den Bruchsteinmauern nicht allzu sehr frieren wollten.
Nachdem das Gotteshaus 1926 elektrische Beleuchtung bekam, konnte später auch das Glockenläuten per Knopfdruck elektrisch vorgenommen werden. Bis heute gibt es allerdings keinen Anschluss an die Wasserleitung.

Im letzten Krieg 1939-1945 wurde die Glocke von 1739 als Kriegsleistung abgeholt, kam jedoch nach dem Kriegsende, allerdings beschädigt, wieder zurück und konnte nicht mehr geläutet werden.
In einer Spendenaktion brachten die Reichenberger Bürger das Geld für eine neue Glocke auf. 1952 bereits konnte sie geläutet werden. Man gab ihr den gleichen Glockenspruch wie der Vorgängerin und zusätzlich als Gedächtnischarakter den Zusatz: Den Opfern des Krieges 1939-1945.

1957-1963   In diesen Jahren erfuhr unsere Kirche ihre letzte Renovierung. Hierbei wurde die Innenausstattung völlig neu gestaltet. Die größte Veränderung war die Verlegung der Orgel auf die Männerempore im Westgiebel unter dem Glockenturm. Bei der Freilegung der ursprünglich 12 Apostel wurden nur noch 7 restauriert. Für die Verringerung der Zahl zwölf auf sieben Apostel hatte unser damaliger Kirchenvorsteher, Fritz Schaub, spaßeshalber seine eigene Erklärung. Nämlich, dass für das kleine Reichenberg, das arme Dal, auch sieben reichen würden.
Die dringend notwendigen Querverankerungen und Sicherungsarbeiten waren 1976 die letzten größeren Arbeiten an unserer Kirche. 1980 wollte die Reichenberger Kirchengemeinde aus Anlass der 600?Jahrfeier auch in der Gegenwart einen äußerlich sichtbaren Beitrag zum Fortbestand der Dorfkirche leisten. In vielen Sitzungen, Gesprächen und Ortsbesichtigungen konnte der damalige Kirchenvorstand die Vertreter der Kirchenleitung nicht dazu bewegen, das Fenster hinter dem Altar in ein buntes Glasfenster umzugestalten. Es sollte zum Inhalt die 'Auferstehung Jesu' als zentrales Geschehen der christlichen Lehre haben. Und obwohl die Finanzierung aus lange angesparten eigenen Mitteln gesichert war, konnte die Ausführung aus Gründen des Denkmalschutzes leider nicht verwirklicht werden!

Seit der Pensionierung von Pfarrer und Dekan Götte 1967 ist die Pfarrerstelle in Patersberg unbesetzt und wird von Bornich (wie bis zum Jahre 1400) mitversehen und verwaltet.

Während der Amtszeit des Pfarrerehepaares Himmighofen (1989-1996), das sich die Pfarrstelle in Bornich teilte, werden, zusammen mit dem Kirchenvorstand, verschüttet gegangene Praktiken des Glockenläutens wieder eingeführt:

Morgenläuten um sieben Uhr, außer samstags und sonntags
Das 11-Uhrläuten

Entgegen landläufiger Meinung, diese Einrichtung habe in früheren Zeiten dem Landmann angezeigt, dass es Zeit zum Ausspannen sei, um rechtzeitig zum Mittagsmahl zu Hause zu sein, gab es nach dem Augsburger Religionsfrieden 1555 eine Anordnung an alle Obrigkeiten, die Untertanen durch Glockenläuten zum Gebet zu ermahnen und Gott um Beistand gegen die Türken zu bitten. Dieses Glockenläuten wurde im gesamten Reich auf 11 Uhr festgelegt.

Abendglockenläuten um 6 Uhr
Totenläuten um 12 Uhr 30

1991   Am 1. Advent kann die frisch restaurierte Kirche wieder ihrer Bestimmung dienen. Neben einem neuen Innenanstrich bekommen die Bänke Sitzkissen. Die moderne Technik in Form einer elektronisch gesteuerten Schaltuhr für das Läutwerk erleichtert die Küstertätigkeit. Die Kirchturmspitze ziert wieder ein Hahn, nachdem der alte, gusseiserne 1969 durch einen Blitzeinschlag zerstört wurde.

1996   Während der Vakanz übernimmt Dagmar Michel den Vorsitz des Kirchenvorstandes. Sie bekleidet dieses Amt mit großem Engagement. Ein Schwerpunkt ist der Kindergottesdienst und die Jugendarbeit. Aus persönlichen Gründen tritt sie 2004 zurück.

2004   Im Rahmen des Kirchlichen Besuchsdienstes (ehemals Visitation) erkennen die Kirchengemeinden Bornich, Patersberg und Reichenberg ihre gemeinsamen Stärken. Die Besuchsgruppe aus Kronberg im Taunus findet viele lobende Worte über das kirchliches Leben. So entsteht eine freundschaftliche Beziehung zu Johannesgemeinde in Kronberg, die ihren sichtbaren Ausdruck in einem Gegenbesuch gefunden hat. Die Kirchenvorsteher verbrachten mit Ihren Familien einen interessanten und anregenden Tag in Kronberg.
Bärbel Goerke wird als Nachfolgerin von Dagmar Michel zur Vorsitzenden des Kirchenvorstandes gewählt.

 

Innenraum der Kirche mit den 1963 freigelegten ApostelbildernInnenraum der Kirche mit den 1963 freigelegten Apostelbildern

Wegen der besonderen Lage und dem Hinweis, dass es einmal eine Burgkapelle war, wird die Kirche auch von auswärtigen Hochzeitspaaren gerne zur Trauung genutzt.

Der Gottesdienst in Reichenberg findet in 14-tägigem Wechsel mit Patersberg statt, wobei der Pfarrer durch Prädikanten und Lektoren unterstützt wird. Das Abendmahl wird während des Gottesdienstes gefeiert, nicht, wie früher in Reichenberg üblich, im Anschluss an den Gottesdienst. Auch die Teilnahme von Kindern ohne Konfirmation stellt eine Neuerung dar.

Seit Erstellung der Friedhofshalle finden Beisetzungen nicht mehr vom Wohnhaus mit letztem Gang zum Friedhof statt, sondern direkt auf dem Friedhof. Das Grabmachen geschieht weiterhin, nach altem Brauch, durch Männer des Dorfes.

Pfarrer der Pfarrei Patersberg/Reichenberg
Name Anmerkungen
Pfarrer Johann Peter Rhodius wird wegen unüberbrückbarer Streitigkeiten mit der Kirchengemeinde Patersberg durch den Landgrafen in letzter Instanz 1558 abgesetzt.
Pfarrer Ivo Becker 1564, vorher Lehrer zu St. Goar
Pfarrer Johannes Kurzrock erhält bei der Durchführung der Reformation 1626 seine Entlassung.
Pfarrer Wilhelm Erlenbach stirbt 1635 während der schweren Zeit des 30?jährigen Krieges.
Pfarrer Johannes Suisius 1636-1650
Pfarrer Johann Heinrich Heiler bis 1676
Pfarrer Johann Heinrich Pfeiffer vorher Schulmeister zu Biebernheim; nach langen Streitereien mit der Gemeinde wird er 1686 nach Kördorf versetzt.
Pfarrer Justus Laurentius Hartmann stirbt nach vierjähriger Amtszeit 1690
Pfarrer Johann David Fischer  
Pfarrer Elias Antonius Sartorius 1703-1722
Zwei Visitations-Protokolle aus seiner Amtszeit geben einen Einblick in das Gemeindeleben jener Zeit, besonders der alte Streit zwischen der Muttergemeinde Patersberg und der Filialgemeinde Reichenberg wegen der Gottesdienstzeiten wird geschildert (Patersberg beansprucht Vorrechte).
Pfarrer Johann Philipp Ebenau 1723-1747
Pfarrer Nikolaus Blum 1747-1776, stirbt 90-jährig
In den letzten Jahren stand ihm als Hilfe sein Nachfolger zur Seite.
Pfarrer Matthäus Wagner 1777-1793
Pfarrer Wilhelm Eberhard Otto 1793-1817
Pfarrer Wilhelm Cramer 1817-1828 und 1830-1832,
dazwischen wird die Pfarrstelle von Vikar Wilhelm Höfeld versehen.
Pfarrer Philipp Jakob Fischer 1832-1838
Pfarrer Friedrich Christian Ludwig Stückrath 1839
Pfarrer Wilhelm Heinrich Wissenbach 1840
Pfarrer Christian Weygandt 1840-1846
In den folgenden Jahren bis 1874 wird die Pfarrei provisorisch verwaltet von den Vikaren Schellenberg, Anthes, Ulrich, Wolf und Albert (Grund ist der schlechte Zustand des Pfarrhauses).
Pfarrer Karl Melior 1874-1882
Pfarrer K. W. Mörchen 1882-1884
Pfarrer August Schäfer 1884-1916
Pfarrer Hermann Johannes Scheidler 1916-1926,
erster Pfarrer im Dekanat, auf den das Ruhestandsgesetz angewandt wird.
Pfarrer Louis Stricker 1926-1934
Pfarrer Alexander Götte 1934-1967, ab 1960 Dekan, gest. 1980 in Patersberg und dort begraben.
In der folgenden Zeit wird die Pfarrei nicht wieder besetzt und wie im Mittelalter von der Pfarrei Bornich mitverwaltet.
Pfarrer Becker Juli 1969 - Juli 1978
Pfarrer Steller September 1978 - Juni 1989
Pfarrerehepaar Himmighofen
(Stellenteilung)
August 1989 bis August 1996
(Pfarrerin Himmighofen nimmt damals wieder ihren Geburtsnamen Waigel an).
Pfarrer Löhde Mai 1997 - September 2014
Pfarrer Steinke ab Juni 2016