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Aus der Geschichte der Burg Reichenberg

Oberhalb der Ortslage liegt die mittelalterliche Burg Reichenberg. Durch die Lage im Hasenbachtal abseits vom Rhein ist sie relativ unbekannt, jedoch eine der bedeutendsten und ungewöhnlichsten Burganlagen von Rheinland-Pfalz.
Baubeginn war 1319 durch Graf Wilhelm I von Katzenelnbogen. Durch den frühen Tod des Grafen 1331 erreichte sie nie die ursprünglich geplante Größe. 1479 stirbt der letzte Graf zu Katzenelnbogen und die Burg fällt an die Grafen von Hessen-Kassel später Hessen-Rothenburg. Ab 1816 verwaltet das Herzogtum Nassau für kurze Zeit die Anlage und verkauft sie schlussendlich auf Abbruch.
Dem Burgenliebhaber Friedrich Gustav Habel ist es zu verdanken, dass die Burgruine erhalten bleibt. Nach seinem Tode erwirbt Charlotte von Mellin die Burg und vererbt sie 1880 an Baron Wolfgang von Oettingen. Die von Oettingens besaßen die Burg bis 1956. Bis 1990 gehörte die Burg dem Kaufmann Friedrich Holz aus dem Rheinland dem Hans Quintes folgte. Seit 2010 ist Detlef Klein Eigentümer der Burg. Sein Hauptaugenmerk liegt derzeit auf der statischen Ertüchtigung des Nordbaus.

Ostansicht der gesamten Anlage, Zustand Anfang 17. Jh. Nach Dillich/MichaelisOstansicht der gesamten Anlage, Zustand Anfang 17. Jh. Nach Dillich/Michaelis


Vermutungen, ob Burg Reichenberg vielleicht älter als die 1319 ausgestellte Urkunde zur Erbauung der Burg ist, werden wohl immer wieder angestellt. Sie sind aber nach gegenwärtigem Erkenntnis- und Wissensstand nicht haltbar, da Urkunden früherer Erwähnungen in den zuständigen Archiven nicht auffindbar sind. Auch die auf Rheinfels sich befindende Tafel mit den undeutlichen Zahlen MCCLXX oder MCCCXX, die sich auf Reichenberg beziehen und Graf Wilhelm I als Gründer der Burg Reichenberg erwähnen, basieren auf verwitterten Schriftzeichen. Nach Demandt trat Wilhelm die Nachfolge seines Vaters (Graf Dieter V von Katzenelnbogen) nach dessen Tod 1276 an, womit die erste Lesart (MCCLXX = 1270) nicht haltbar ist. Bewusste Fälschungen in später angefertigten Urkunden mit früherem Datum sind nicht selten und auch für Reichenberg nicht ausschließbar. Oft werden so auch ohne Skrupel ungerechtfertigte Besitzansprüche bei Erbauseinandersetzungen geltend gemacht. Aber auch unbeabsichtigte Lesefehler und Übertragungsfehler, gerade bei dem Namen Reichenberg, können ohne genaue geographische Zuordnung zu Fehlinterpretationen führen. Schloß Reichenberg im Odenwald bei Reichelsheim (erbaut kurz nach 1200), Burg Reichenberg bei Oppenweiler (erbaut 1228), Reichenberg bei Würzburg, Reichenberg im Bayerischen Wald, Reichenberg bei Pfarrkirchen, Reichenberg bei Dresden, Reichenberg in Märkisch-Oderland sind einige Beispiele für die notwendige und genaue Beachtung der Lage. Und nicht von ungefähr habe ich deswegen den Untertitel DORF UND BURG IM TAUNUS gewählt.
Im lnternet erscheint beispielsweise bei der Suche nach Reichenberg als Text zur Burg: Die Burg Reichenberg gehört zu den burgenkundlich auffallendsten Bauwerken ... (Ein Satz, den man immer wieder bei der Beschreibung unserer Burg lesen kann). Aber der Satz geht weiter ... Württembergs, erbaut etwa 1228.

Die Schreibweise wurde je nach Schreibkenntnissen des Landschreibers, Gerichtsschöffen, Schultheißen, Pastors oder Protokollführers oft auch willkürlich gehandhabt. Die älteste Schreibweise in der Urkunde von 1319 ist richenberch. In nachfolgenden Schriftstücken finden sich folgende Schreibweisen: richenberk, richynberg, richberg, richenberg, richenbergk, richinberg, Reichenberg. Aber auch durch ähnlich klingende Namen wie Burg Rheinberg im Wispertal, Reichenstein, Reifenberg, Reichenbach, u.a. kann es durch die handschriftlichen Aufzeichnungen in der Lesart zu Verwechslungen geführt haben.

Die lange Zeit umstrittene Urkunde, nach der Adolf von Nassau 1289 seinen Anteil an Reichenberg an Ulrich von Hanau verpfändet haben soll, ist besonders durch Wagner (1906) einwandfrei widerlegt. Er hat nach vielen Literaturbeiträgen zur Gründungszeit von Reichenberg erstmals wieder die Originalurkunde im Staatsarchiv in Hanau eingesehen. Er stellt fest, dass die fragliche Textstelle Ortenberg und nicht Reichenberg heißt. Richtig ist, dass auf der Rückseite dieser Urkunde eine spätere Notiz zu finden ist, in der Reichenberg vermerkt ist (Wagner, Kunze).
Bei einer zeitgeschichtlichen Einordnung Reichenbergs ist beachtenswert, dass bei einer Gebietsbeschreibung unseres Raumes um 1260 alle benachbarten Ansiedlungen, Höfe, Huben, in der damaligen Schreibweise: husen, sent gewere, welmich, padisberg, rinfils, ... aufgeführt sind, außer einer Erwähnung Reichenbergs in irgendeiner Schreibweise.
Auch die Erwähnung eines späteren Geschichtsschreibers, Reichenberg sei als Eigentum der Grafen von Katzenelnbogen durch König Albrecht im Kampf gegen seine Rheinischen Widersacher 1302 zerstört worden, ist nicht belegbar. Außerdem müsste es sich bei der Urkunde zum Bau der Burg aus dem Jahre 1319 mit Signatur des Erzbischofs Balduin von Trier nicht um einen Neubau, sondern um einen Umbau oder Wiederaufbau handeln. Im Urkundentext steht das Wort construere (lat) = bauen, herstellen, errichten, nicht reconstruere (lat) = wieder herstellen, nachbilden, den ursprünglichen Zustand wieder herstellen.

Faksimilie der Urkunde zur Errichtung der BurgIn der Urkunde gestattet Erzbischof Baldewin von Trier dem Katzenelnbogner Grafen Wilhelm I auf dem Berge richenberch mit seiner Unterstützung eine Burg zu errichten. Sobald sie begonnen worden ist, soll sie ständiges Lehen der Trierer Kirche und ihr geöffnet sein. Anno 10. August 1319. Original im Staatsarchiv Marburg


In dieser Urkunde vom 10. August 1319 gestattet der Erzbischof nicht nur den Bau, er verbindet damit auch die Bedingung, dass diese Burg mit allem Zubehör, sobald sie begonnen worden ist, ständiges Lehen der Trierer Kirche und ihr geöffnet sein soll. Bei dem heutigen Kenntnisstand geht man bei Abwägung aller Erwähnungen Reichenbergs von der Jahreszahl 1319 als dem Gründungsjahr aus.
In der Angabe des Baugeländes heißt es, dass die Burg auf dem richenberch gebaut werden solle. Eine markante Stelle, die als richer Berg (rich im Mittelhochdeutschen = ansehnlich, groß, herrlich) für die Katzenelnbogener Grafen als Ortsangabe für eine Baugenehmigung ein wohlüberlegter Platz darstellt. Es ist ein strategischer Punkt zur Sicherung des Gebietes vom Rhein (Rheinfels) in die Grafschaft. Durch einen Heiratsvertrag zwischen Ludwig, Herr zu Isenburg, und Gräfin Margarethe von Katzenelnbogen für ihre Kinder, Ludwigs Tochter Irmgard und Margarethes Sohn Wilhelm, war es den Katzenelnbogenern zugefallen.
Dieses Gebiet (Dörfer und Gerichte Bornich, St. Goarshausen, Patersberg, Offenthal und Werl), der Name Reichenberg ist dabei nicht erwähnt, ist die Mitgift Ludwigs an seine Tochter Irmgard. Erst beim Bau der Burg und in folgender Zeit wird Reichenberg eine Ortsbezeichnung, die in Urkunden neben den älteren Besitzungen genannt wird.

Burg Reichenberg dient der Wegsicherung von der älteren Katzenelnbogener Rheinfels (1245) in die Grafschaft Katzenelnbogen. Neuere Erkenntnisse (Rainer Kunze) in der Bauplanung sprechen ihr eine ursprünglich viel größere Bedeutung zu. Reichenberg sollte danach Hauptburg und Residenz des Grafenhauses werden. Durch den Tod des Bauherrn Graf Wilhelm I im Jahre 1331 und durch die neuen Besitzverhältnisse des Teilungsvertrag aus dem Jahre 1352 werden die Pläne nicht ausgeführt.
Vom ehemaligen Turm (50 m) der Burg Rheinfels zu den ehemaligen Türmen (40 m) der Burg Reichenberg hat offensichtlich Sichtkontakt bestanden. Auf diese Weise konnten durch vereinbarte Zeichen wahrscheinlich Nachrichten übermittelt werden, wie etwa der Aufbruch eines Wagenzuges von St. Goarshausen über Patersberg ins Hinterland. Vor dem Einsturz des letzten Turmes 1971 konnte man von ihm über die Rheinfels hinweg in den Hunsrück schauen (Luftlinie ca. 4 km).

Lageplan der Burg ReichenbergLageplan der Burg ReichenbergErläuterung zum LageplanErläuterung zum Lageplan